Nicht nur Drehort, sondern kreative Ideenschmiede: Beim Karlovy Vary International Film Festival diskutierten Branchenexpert*innen, wie neue Serien-Partnerschaften entstehen und rückten Mittel- und Osteuropas kreatives Potenzial für die europäische Serienproduktion in den Fokus. Die ganze Panel-Diskussion „Understanding CEE’s Hidden Production Ecosystems“ vom Karlovy Vary International Film Festival findet ihr am Ende dieses Artikels.

Die europäische Serienlandschaft befindet sich im Wandel: Auf vielen umsatzstarken westeuropäischen Märkten wird es zunehmend schwieriger, hochwertige Serien allein aus nationalen Finanzierungsquellen zu realisieren. Steigende Produktionsbudgets, sich wandelnde Strategien der Auftragsvergabe und immer ambitioniertere kreative Vorhaben veranlassen Produzent*innen dazu, ihren Blick über die Grenzen ihres jeweiligen Heimatmarktes auszuweiten – nicht nur auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten, sondern auch nach neuen kreativen Partner*innen und Perspektiven. Mittel- und Osteuropa hat sich dabei längst über seine bisherige Rolle als Produktionsstandort hinaus entwickelt.
Die Region punktet heute mit international erfahrene Drehbuchautor*innen, Produzent*innen, Sendern und immer vielfältigeren Förderungsstrukturen. Dennoch hält sich eine bestimmte Wahrnehmung: Mittel- und Osteuropa wird nach wie vor häufig in erster Linie als Dreh- und Produktionsstandort betrachtet und nicht als Ankerpunkt für die Entwicklung von Geschichten und den Aufbau langfristiger kreativer Kooperationen.
Genau hier setzte der Panel-Talk „Understanding CEE’s Hidden Production Ecosystems“ beim Karlovy Vary International Film Festival an. Moderator Saša Michailidis debattierte mit Tereza Polachová (Česká televize), Bettina Wente (Network Movie) und Philipp Kreuzer (maze pictures), mit wie sich die Zusammenarbeit zwischen den großen Absatzmärkten Westeuropas und Mittel- und Osteuropa entwickelt – und warum es höchste Zeit ist, das Potenzial der Region als kreativer Partner anzuerkennen.
Einig war man sich schnell, dass Mittel- und Osteuropa ausgereifte kreative Ökosysteme, erfahrene Talente und spannende Möglichkeiten für internationale Serienpartnerschaften bietet und dass die angespannte Situation auf den Märkten den Bedarf an produktiver Zusammenarbeit eher noch verstärkt. Bettina Wente, die vor dem Hintergrund ihrer tschechisch-deutschen Serie „We’re On It, Comrades!“ von der praktischen Seite einer erfolgreichen kreativen Produktion berichtete, betonte, wie einfach sich die übergreifende Kollaboration gestaltete: „Schrumpfende Märkte und kleinere Budgets sollten eigentlich der Zusammenarbeit zugutekommen. Aber das ist nicht der Grund, warum sie zustande kommt.

Ihr habt hier eine große Handwerkstradition. Wenn diese mit Menschen mit offenem Geist und Fachkenntnissen zusammenkommt, dann ergeben sich daraus viele Möglichkeiten.“ Kreative Partnerschaften sollten frühzeitig beginnen – bereits in der Entwicklungsphase.

Tereza Polachová, die auf langjährige Erfahrung in Streaming- und TV-Produktion zurückblickt, erklärte, warum übergreifende Kollaborationen trotz des hohen Skill-Levels und der guten Bedingungen nur langsam entstehen: Zeit sei ein entscheidender Faktor. “ Die schrumpfenden Budgets in ganz Europa haben uns zusammengeführt. Andererseits müssen Talente erst einmal sichtbar werden, und das braucht Zeit. Wir arbeiten mit großen und etablierten Märkten zusammen. Dort gibt es eigene Künstler*innen.“
Auch Philipp Kreuzer betonte: Erfolgreiche Kooperationen brauchen Vertrauen, gemeinsame kreative Ambitionen und ein klares Gespür fürs Publikum.
Der Produzent lotet mit neuen Kollaborationsmodellen aktuell selbst neue Wege aus – wie etwa bei seinem aktuellen Projekt „Radio Free Europe“, das in Zusammenarbeit mit der rumänischen Produktionsfirma MicroFilm entstand. Am Ende, so Kreuzer, müssen vor allem die Geschichten überzeugen. „Wir suchen überall nach Talenten, und die neue Generation von Drehbuchautoren arbeitet für Streaming-Anbieter und hat dort viel Erfahrung gesammelt. Alle sind offen für eine Zusammenarbeit, ganz gleich, woher jemand kommt. Es geht letztlich darum, Geschichten zu finden, die unser Zielpublikum in unseren Marktgebieten ansprechen”.
Das Panel bildete den Auftakt der zweiteiligen Branchendiskussion „Beyond the East-West Co-Production Myth“, die von Seriesly Berlin in Zusammenarbeit mit dem KVIFF Film Industry des Karlovy Vary International Film Festival umgesetzt wird. Teil zwei folgt im September in Berlin. Hier richtet sich der Fokus darauf, wie die Produktionslandschaften in Mittel- und Osteuropa kreativ und strategisch erschlossen sowie stärker in europäische Koproduktionsstrukturen eingebunden werden können.